Kuba #99, Centro Habana

Fidel will mich nicht mehr. Genau zwei Monate hat er es mit mir ausgehalten. Dabei habe ich mich sooo vorbildlich verhalten. Jetzt muss ich das Land für 24h Stunden verlassen, obwohl die Rechtslage eher willkürlich als klar ist.* Ich trage es mit Fassung und fahre zum Flugplatz. 30 Minuten nach dem geplanten Abflug haben die Kubaner, dann denn Türschlüssel des Gates doch noch gefunden und wir können das Flugzeug besteigen.

Am Flugplatz in Cancun lasse ich wie üblich die Lokals, die irgendetwas von mir wollen, links liegen. Dann geschieht es. Ein Taxichauffeure, den ich wie ein lästiges Moskito «wegklatsche», spricht die magischen Worte: «Bienvenido en Mexico!» Er meint es wirklich so. Wie ein Speer durchdringen seine Worte meinen Panzer. Wie abgestumpft bin ich doch in den zwei Monaten Nahkampf in Kuba geworden! Es gibt sie tatsächlich noch: Einheimische, die sich freuen mich zu sehen. Ich stelle meine «Firewall» auf freundliches Umfeld ein. Tatsächlich, die Mexikaner sind überaus wissbegierig und liebeswürdig. Spontan beginnen sie Gespräche, wollen etwas erfahren und wünschen, dass mir Mexiko gefällt. Keine Hintergedanken.

Nach 10 Minuten Fussmarsch habe ich alles gefunden was ich in Kuba in zwei Monate nicht kaufen konnte. Das hätte auch in der Schweiz länger gedauert. Erst als ich mich in einem mehrere Fussballfelder grossen Supermarkt für eine von 60 verschiedenen Glühbirnen entscheiden muss, wird mir alles etwas zu viel. Ja, ich freue mich schon Mexiko nächstes Jahr gründlich zu bereisen!

Jetzt geht es aber bereits nach 36 Stunden zurück nach Havanna, besser gesagt nach Centro Habana, den wohl verfallensten Teil Kubas. Nirgends sieht man die Spuren die 55 Jahre Revolution und Blockade hinterlassen haben deutlicher. Meine Nachbarschaft erinnert mit seinen verkommenen Strassenzügen eher an ein Kriegsgebiet. Einzig die Menschen, die allabendlich in Ihren Hauseingängen sitzen und die gespürten 1001 Hundekothaufen versprühen einen Hauch von Normalität… und trotzdem vermisse ich mein Quartier. Die Habaneros, die lauthals mit den Nachbarn diskutieren, die spontane eine kleine Strassenparty feiern. Nirgends auf der Welt haben die Menschen mehr Zeit zu schwatzen, lachen oder tanzen. Centro Habana ist besser als jede «Telenovela». Eine «Telenovela» mit lauter Hauptdarsteller! Sozialkontakt an jeder Ecke, ohne einen 10-minütigen Klatsch schaffe auch ich keine Begegnung mehr. Die Nachbarin von nebenan, die Verkäuferin an der Ecke oder der Parkwächter: Jeder hat was zu erzählen, weiss einen Schwank oder nimmt mich auf den Arm. Wen interessiert hier schon die Blockade, die Nachrichten, die Welt.

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* Das Parlament hat im Januar offiziell ein Gesetz verabschiedet, dass Ausländern neu drei Monate Visum gewährt. Leider hat sich das Gesetz in den Gängen des Migrationsamtes verirrt und niemand kennt es hier.

Geschrieben aus .

6 thoughts on “Kuba #99, Centro Habana

  1. Ivo Roberto Baelli

    David, Danke für Euren Besuch!

  2. David P. Reindl

    Beste Hommage an Centro Havana, die ich gelesen habe. Merci.

  3. Amor De Angel

    Oh siehst du. Hast du anfangen zu lernen kuba liebe. Auch wenn viele Sachen dort stimmt nicht.

  4. Silk Lucio

    Deswegen liebe ich Mexico so sehr! Aber ich war eben auch noch nicht in Kuba… nächstes Jahr im Februar dann… bist Du zu der Zeit zufällig noch/wieder dort?

  5. Ivo Roberto Baelli

    Angel: Gratuliere. Du hast ja auch deutsch gelernt, auch wenn es Dir am Anfang nicht so gefallen hat. Silk Lucio: Klar, dann dürfte meine Wohnung auch umgebaut sein.

  6. Isabel Mateus

    Lieber Ivo, jetzt hast du erwähnt was an Cuba so besonderes ist, nicht was man kaufen kann, sondern was man erleben kann! ;-))).

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