Amerika #93, Lost in Transition

Wie heisst es so schön: «Der Kluge reist im Zuge» oder im Bus oder im Schiff. Die Reise von New York nach Havanna war jedenfalls äusserst erlebnisreich.

Die 30 Stunden im Amtrak verbrachte ich neben einem Lebenskünstler, der per Rad von Miami nach Philadelphia gefahren ist. Leider war sein Körpergeruch als hätte er in der Zeit nie geduscht. Hinter mir schnarchte einer wie eine Lokomotive, die den Berg nie hochkommt und vor mir war eine ältere Costa Ricanerin, die mir ständig zuzwinkerte. Ich weiss nicht wer mir mehr Schlaf gekostet hat. Jedenfalls hatten wir alle viel Spass und dazu fantastische Landschaften mit glühend roten Sonnenuntergängen.

Auf der Weiterfahrt per Fähre lernte ich dann Miss Bahamas kennen, die den – Entschuldigung meine Damen – den grössten Hintern hatte, den ich jemals gesehen habe. Irgendwie hatte ich immer Angst, dass jemand sein Gepäck irrtümlich auf ihrem Hintern abstellen würde. Vielleicht habe ich sie auch deshalb angesprochen. Auf der Fähre wurde jedem als erstes zwei «Kotztüten» in die Hand gedrückt – wohl um sich Stereo übergeben zu können. Schwerer Seegang wurde vorhergesagt. Miss Bahamas warf deshalb präventiv die doppelte Ration Tabletten gegen Seegang ein und schlief auch sofort auf meinem Schoss ein. Währenddessen kotzt der Rest der Passagiere fröhlich vor sich hin, was in einer Kettenreaktion sofort wieder neue kotzende Passagiere nach sich zog. Die gute Nachricht ist, dass Seegang wie eine Impfung wirkt. Nach meiner Erfahrung auf der HS Bruckner scheine ich dagegen völlig immun zu sein, sodass ich auf der Überfahrt vom menschenleeren Schiffsrestaurant profitierte: Für den Preis eines Menüs durfte ich so viel essen wie wollte. Nach dem dritten Teller hörte ich aber präventiv auf.

Doch in Freeport angekommen, sollte das Abenteuer erst richtig beginnen. Ich hatte am selben Tag die 12-stündige Weiterfahrt auf einer allen völlig unbekannten Fähre gebucht. Zwei Stunden lang klapperten wir des Hafen ab, bis wir im Containerhafen einen abgewrackten Frachtkahn entdeckten: ein Gummiboot statt Rettungsboote, überfüllte Ladefläche, aber äusserst gut gelaunte Matrosen. Als dann um 3:00 Uhr morgens mit Dwight ein zweiter Passagier an Bord stieg, war an schlafen nicht mehr zu denken: Er ist Musiker, ein Energiebündel sondergleichen und muss seit seiner Geburt permanent gelacht haben, anders ist sein Gemütszustand nicht zu erklären. In Nassau ziehen wir gemeinsam mit seinen Cousin die Nacht lang um die Blöcke – das Leben in den Bahamas scheint eine einzige Party zu sein! Bisher habe ich nirgends so gastfreundliche, entspannte und gut gelaunte Menschen getroffen – ohne Hintergedanken, ohne Touristenfalle – welche Wohltat für die oft so strapazierte Touristenseele.

Was für ein Gegensatz zu meinem nächsten Reiseziel Kuba. Im Flugzeug sitzend vergleichen meine Sitznachbaren – eine Kubanerin und ein Dominikaner – unsere «Geschenke» für unsere Gastgeber in Kuba: Ich bringe vier Glühbirnen und einen Nasenspray, die beiden anderen Seife, Kugelschreiber und einen Autospiegel mit. Goodbye Bahamas, Bienvenido Cuba!

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