#109 Viva Columbia!

„Mami“ hat immer recht. Eine Weisheit die scheinbar zeitlos gilt.

Meine Mutter prophezeite mir, dass ich zu weit plane in Anbetracht, dass mir bereits in Kolumbien alles geklaut wird. Sie hatte recht. Bevor meine Reise richtig beginnt, werde ich tatsächlich zweimal ausgeraubt. Doch alles der Reihe nach.

Im Hafen von Cartagena

Bereits bei der Ankunft meines Autos im Hafen von Cartagena fehlen im Auto Kleider und Schuhe. Die Hafenarbeiter haben einen „Tag der offenen Tür“ zu meinen Ehren organisiert: Alle vier Autotüren sind unverschlossen, der Schlüssel liegt gut sichtbar auf dem Vordersitz. Der Anlass ist ein voller Erfolg! Besonders meine Surfsachen, Joggingschuhe und Trekkingausrüstung finden reissenden Absatz. Während zwei Tagen darf sich jeder in meinem Auto nach Lust und Laune bedienen. Zum Glück löse ich das Fahrzeug mit „Speedy Gonzales“ aus (siehe Blog). Ein Woche später hätte ich vermutlich nur noch vier Räder erhalten.

Auffallend ist, dass nur Altagsgegenstände geklaut wurden, die durch die Ausgangskontrollen geschmuggelt werden können. Das verstärkt die Vermutung, dass mein Auto im Hafen und nicht im Frachtschiff auf See geplündert wurde.

Die Reaktion der Hafenbehörde, erhärtet meinen Verdacht: Zuerst ist klar, dass ich in Panama beraubt wurde. Schade war mein Auto nie in Panama. Dann verweigert mir die Hafenverwaltung die Einsicht in die Überwachungskameras. Das Auto sei bereits offen eingeführt worden. Kein Grund also die Kameras anzuschauen, Einheimische klauen ja nicht!?

Da ich meine Wertsachen alle im Flugzeug nach Kolumbien bringe, ist der Diebstahl äusserst ärgerlich, aber nicht „lebensbedrohlich“. Um es in der Boxersprache auszudrücken: Ich bin „angeschlagen“, stehe aber noch. Richtig „KO“ werde ich dann am 2.Tag meiner Reise gehen.

Mein erster Stellplatz

Nach dem Ärger des Diebstahls will ich wenigstens einen Tag die Altstadt Cartagenas besichtigen. Statt mein Auto wie geplant in einen bewachten Parkplatz zu stellen, bieten mir meine argentinischen Mitreisenden an, den Bus persönlich zu bewachen. Pünktlich um 12:00 gehen die beiden dann essen und lassen meinen Bus unbewacht stehen!? Der Rest ist schnell erzählt: In ihrer 60-minütigen Abwesenheit rauben mich Profis auf dem belebten Busparkplatz bis auf die „Unterhose“ aus. Notabene vor den Augen anderen „Busbewacher“, die auf ihre Touristenbusse aufpassen. Die Profis sind deutlich effizienter als die Hafenarbeiter: Sie nehmen nur Wertvolles mit. Meine Kamera, mein Laptop, kubanische Zigarren etc. Nur mein Bargeld und die Kreditkarten finden sie nicht, statt dessen fallen sie auf meinen Lockvogel herein, eine wertlose Kasse mit Spielgeld.

Weniger effizient ist der Sicherheitsapparat Kolumbiens. Das Sicherheitspersonal des Hiltons ignoriert meine Hilferufe komplett. Sie spielen lieber mit ihren „Smartphones“. So laufe ich ungefragt in ihr Wärterhäuschen und greife selber zum Telefon. Darauf drohen sie mir die Polizei zu rufen. Hehe, endlich verstehen wir uns: Ruft die Polizei!

Die hat dann weitere 45 Minuten bis sie eintrifft. Allerdings kann die Motorradpatrouillie nichts dafür. Das Motorrad, das sieben Zweierteams zusammen benutzen, ist defekt. Der Staat zahlt kein Geld für die Reparatur, deshalb reparieren die Polizisten es gerade selber und müssen zu Fuss kommen. Ich frage mich in Gedanken, ob nicht einer der beiden das Motorradgeräusch imitieren sollte wie in Monthy Pythons „Ritter der Kokosnuss“! Welcher der beiden würde dann den Motor spielen, der vordere oder der hintere?*

Am nächsten Tag gehe ich auf den Polizeiposten um den definitiven Rapport aufzunehmen. Wegen des Karnevals hat die Polizei einiges zu tun. Ich stehe Schlange. Scheinbar hat die lokale Polizei nicht einmal Geld für Formulare. Der Kommissar zahlt sie selber und verlangt deshalb von jedem eine freiwillige Spende. Niemand zahlt. Als ich an der Reihe bin sind alle Formulare aufgebraucht. Also fahre ich in die Stadt um zuerst Polizeiformulare zu kopieren.

Der Kommissar erstellt den Rapport mit einer klapprigen Schreibmaschine. Das Modell ist so alt, dass es sogar in Kuba im Museum landen würde. Er tippt im rustikalen Einfingersystem und vertippt sich öfters als er trifft.  Kopien erstellt er mit uraltem Kohlepapier. Ich kann nicht anders und muss ständig lachen. Was für ein Gegensatz: Die Diebe klauen die neuesten Laptops und Kameras, die Polizei rückt zu Fuss an und rapportiert mit Schreibmaschine und Kohlepapier. Hat die hiesige Polizei wohl jemals einen Verbrecher gefasst?

Schlussfolgerung

Das Resultat meiner ersten drei Tage im VW Bus ist so einfach wie ernüchternd. 7km gefahren, zweimal ausgeraubt, 50% der Kleider und 50% der Wertsachen weg. Natürlich habe ich viele Fehler gemacht und bin selber schuld.  Einen Fehler aber werde ich bestimmt nicht machen: Ich werde jetzt erst recht mit unbändiger Freude und endloser Neugier durch Südamerika reisen und werde mich hüten einen Land oder Kontinent wegen ein paar Idioten zu verurteilen!

Für heute bleiben mir aber einzig ein paar sinnlose Fragen an meine Diebe:

An den neuen Besitzer meiner Surf Lycra:
„Glaubst Du wirklich, dass Dich Deine Freundin mit Deinem Schwabbelbauch in meiner Lycra sexy findet?“

An den neuen Besitzer meines Surfwachses:
Weisst Du was Du geklaut hast? Wo willst Du Dir das Wachs eigentlich hinstreichen?“

An den neuen Besitzer meiner Badeschlappen:
„Ich habe grässlichen Fusspilz. Du bald auch?“

An den neuen Besitzer meines Laptops:
„Mann bist Du blöd. Du hast das proprietäre Ladegerät des Surface 3 Pro vergessen. Das Ladegerät kann in ganz Südamerika nicht gekauft werden. Was machst Du mit den restlichen vier Stunden Betriebszeit, die Dir bleiben?“

An den neuen Besitzer meiner Winterkleider:
„In Cartagena ist es extrem heiss (nachts > 28 Grad). Meine Winterkleider sind für < minus 5 Grad ausgelegt. Das Klima erwärmt sich permanent. Wann und wo willst Du bitte meine Kleider tragen?“

An den neuen Besitzer meiner Medikamente:
„Schade besitze ich alle Packungsbeilagen der Medikamente. Gegen was wirst Du die Malariaprophylaxe nehmen? Gegen Kopfweh?“

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* Übrigens wurde auf demselben Parkplatz eine Stunde später vor unseren Augen ein weiteres Auto ausgeraubt. Zwei Stunde später trifft wieder eine Polizeipatrouille ein. Diesmal mit Motorrad. Statt nach Dieben Ausschau zu halten, durchsuchen sie uns Reisenden nach Drogen. Klar, ich hatte schon vergessen: Einheimische klauen nicht, folglich müssen wir Reisenden das „Gesindel“ sein.

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