#117 Allee der Vulkane

Erhaben, majestätisch, zeitlos! So stehen 22 der 73 Vulkane Ecuadors in der „Alle der Vulkane“* wie am Schnürchen aufgezogen. Wer schon immer davon geträumt hat auf Feuer speiende Vulkane zu steigen, Drachen zu besiegen und Prinzessinnen zu befreien, der ist hier genau richtig! Mich erinnert die Landschaft an mein Lieblings Kinderbuch „Jim Knopf und der Lokomotivführer“. Genau so sieht es hier in den Anden Ecuadors aus, fehlt nur noch der Drache „Nepomuk“, „Frau Malzahn“ und die Prinzessin „Li Si“.

Die Landschaft wirkt wie ein Gemälde. Massive Gebirgsketten erheben sich von einer Grundhöhe ab 2’800 MüM und steigen in luftige 5’000 bis 6’300 MüM. Die Landschaften wirken ausserirdisch mit ihren Lavakegeln, sind rau, derb und unwirklich.

Schon die Namen der besuchten Vulkane sind poetisch:

  • Cotopaxi (5’897 MüM) = „Hals des Mondes“
  • Rumiñahui (4’721 MüM) = „Gesicht aus Stein“
  • Antisana (5’704 MüM) = „Der im Osten gelegene“
    wobei die Indios den kleineren der beiden Gipfel „Shacana“ =“Zufluchtsort der Sterne“ nennen.
  • Chimbarazo (6’310 MüM) ** = „Eisige Frau“ oder „Eisiger Thron Gottes“
  • Illiniza Sur und Norte (5248 und 5226 MüM) = „Mann und Frau“
  • Quilatoa (3’914 MüM) = Name des Dorfes am Kraterrand.

Die Vulkane sind Nationalparks, die man bis zur Vulkanbasis per Auto und ab da dann zu Fuss erkunden bzw. bis zum Gipfel mit einheimischen Bergführern besteigen könnte. Hier verschlägt es einem nicht nur wegen die Aussicht den Atem, sondern wegen der außerordentlichen Höhe. Selbst nach fünf Tagen Akklimatisierung ist es äusserst anstrengend auf 5’000 MüM nochmals 100 Höhenmeter zurückzulegen. An jeder Ecke keuche und schnappe ich wie eine altersschwache Dampflokomotive nach Sauerstoff. Die Königsdisziplin ist aber in solchen Höhen zu schlafen. Im Bus übernachte ich auf 4’000 MüM. Nur dank dem alten Bergsteigertrick – mit zwei Kissen hinter dem Rücken aufrecht zu liegen – schaffe ich es ohne grössere Atembeschwerden durch Nacht zu kommen. Meine Kühlbox habe ich bei Außentemperaturen von 0 bis 10 Grad abgestellt. Zusammen mit den sturmartigen Winden bietet das eisige Klima seinen Anteil am ausserordentlichen Naturschauspiel der Vulkane.***

Einzig der Cotopaxi, der Schlingel, verdirbt mir die Show. Er versteckt sich – trotz seiner imposanten Höhe von 5897 Meter – seit über drei Wochen hinter einer dichten Wolkendecke. Böse Zungen behaupten, der Cotopaxi sei nur ein Marketingerfindung Ecuadors – etwa so wie das „Loch Ness“. Jedenfalls, wenn Ihr den Cotopaxi sehen wollt, so könnt Ihr das auch in der Schweiz tun. Sucht Euch einfach die fetteste Wolke am Himmel und sagt zu Eurer Begleitung: „Schau, da! Der Cotopaxi verbirgt sich wieder hinter einer dicken Wolke!“.

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* Der Ausdruck stammt vom deutschen Universalgelehrten Alexander von Humboldt, der 1802 nach Ecuador aufbrach. Der Ausdruck könnte treffender nicht sein.
** Der Gipfel des Chimborazo ist wegen seiner Nähe zum Äquator der Punkt der Erdoberfläche, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist. Dass er hierin den wesentlich höheren Mount Everest übertrifft, liegt daran, dass die Erde am Äquator breiter ist.
*** Nicht nur die Natur beeindruckt, sondern auch die Bevölkerung, die mehrheitlich indigen ist. Vielleicht ist es die Nähe zu den gigantischen Vulkanen, die sie demütig und äusserst freundlich macht. Eine alte Frau, die ich per Anhalter mitnehme, spricht auch vom Cotopaxi wie von einem alten Bekannten. Sie meint nur, dass er – der Cotopaxi – jetzt bestimmt friedlich sei nachdem er drei Monate gezwängt, gewütet und viel Asche ausgespien hat.

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