#144 Sonnenuntergang in Kuba

Kompletter Stillstand, völlige Windstille, gähnende Leere: Der Sozialismus hat es in Kuba zu einmaliger Blüte gebracht. Kein System dieses Planeten wird jemals ineffizienter sein. Seit fast einem Jahrzehnt besuche ich nun diese Insel. Seit 5 Jahren fliesst Wasser aus einem antiken Gebäude in meiner Nähe ohne, dass jemand das Wasserleck dichtet. Seit über 7 Jahren wird die Rolltreppe im zentralen „Einkaufstempel“ in La Habana repariert. Seit über 8 Jahren die Kuppel des Capitolio’s restauriert. Seit 10 Jahren der verrottete 50 Tonnen Wassertank auf meinem Dach ersetzt. Seit 12 Jahren wird ein neuer Lift im Nachbarhaus eingebaut. Ich weiss jetzt mit Sicherheit: Hier wird nichts mehr repariert, geschweige fertig gestellt. Hier sind selbst die Baugerüste renovationsbedürftig. Sie rotten als stiller Zeitzeuge des unaufhaltsamen Zerfalls vor sich hin

Auch das zentralistische Warenangebot der kubanischen Staatsläden* strotzt weiterhin vor Absurdität. Der sozialistischer „Korruptionsfunktionär“, der für den Einkauf der Waren zuständig ist, zaubert auch dieses Jahr wieder ein Lachen auf meine Lippen. Diesmal hat er im Namen des kubanischen Volkes Scheibenwaschflüssigkeit mit Frostschutz (bis -10 Grad) „en Gros“ eingekauft. Leider war es in Kuba noch nie kälter als plus 10 Grad, abgesehen davon, dass die Hälfte der Autos bei Regen gar nicht fahrtauglich ist. Ich stelle mir immer vor wie solche Grossaufträge abgeschlossen werden: Der kubanische Funktionär triff sich mit dem italienischen „Unternehmer“ in einem „schummrigen“ Lokal begleitet von einem Dutzend Prostituierten und handelt die Verkaufskonditionen aus. Scheinbar waren diese so unvorteilhaft, dass dabei auch das kubanische Budget für den Einkauf von Toilettenpapier, Tomatensauce und Eier aufgebraucht wurde. So kann ich im staatlichen Laden jetzt frostsichere Scheibenwaschflüssigkeit kaufen, aber nach wie vor kein WC Papier.

Ein weitere Art der sozialistischen Entscheidungsfindung ist was ich das „Funktionärskratzen“ nenne. Dabei erhebt sich ein gelangweilter Beamter aus seinem Sessel, schaut zum Fenster raus, kratzt sich am Allerwertesten und erlässt ein neues Gesetz. Die Gesetze fallen dabei für Aussenstehende etwas willkürlich aus.

So hat zum Kuba seit mindestens drei Jahren die Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit nicht mitgemacht. Das diesjährige „Funktionärskratzen“ resultierte zur Überraschung aller in einer Rückstellung der Uhren Ende Herbst. So ist der Sonnenaufgang neu um 6:45 Uhr. Das macht kaum Sinn in einem Land in dem Wenige vor 8:00 Uhr aufstehen und Viele die Sonne vor Mittag nicht erblicken. Dafür ist es abends zur besten Feierabendzeit um 18:00 schon stockdunkel. Gerade für den abendlichen Verkehr ist das ziemlich gefährlich: Nur wenige Strassen sind beleuchtet, dafür sind alle Strassen mit tiefen Schlaglöcher übersät. Ausserdem ist aufgrund der chronischen Batterieunterkapazität der Fahrzeuge** die Frühe Dämmerung ein Problem. Bei Standzeiten mit Licht von über einer Minute wird die Energieversorgung meines Motorrades kritisch.

Aber eben, wer sich an solchen Belanglosigkeiten des Sozialismus stört, hat Kuba nicht begriffen! Wer interessiert sich den schon für das Leben tagsüber. Jeden Abend nach Sonnenuntergang verwandelt sich das „hässliche Entlein“ in einen prächtigen Schwan. Nirgends gibt es so viele talentierte Musiker, Sänger, Tänzer und Selbstdarsteller wie hier. Nirgends gibt es mehr Tanzflächen, die jede Nacht zum Glühen gebracht werden. La Habana ist die Kulturstadt der Welt schlechthin. Hier unterscheidet niemand zwischen Wochentagen und Wochenende, niemand interessiert sich für Lärmklagen, Polizeistunden oder Wichtigtuerei. Sobald die Band die ersten Töne spielt, stehen alle auf die Tische und feiern was das Zeug hält. Alle sind eine einzige glückliche Familie. Niemals habe ich mehr Verzückung, Begeisterung und Ausgelassenheit erlebt als hier. Wer Kuba nach Mitternacht nicht erlebt hat, kennt Kuba nicht. Kein Wunder, denn hier spielen jeden Nacht die Besten der Besten für ein Butterbrot. Sie treten einmal wöchentlich zu festen Spielzeiten auf und geben Abend für Abend Alles. Keine Starallüren, den der Star ist immer das Publikum. Neulich, am Konzert der eines der bekanntestenSänger Kubas, stieg der Sänger nach dem Konzert von der Bühne, schüttelte jedem Zuschauer einzeln die Hand und bedankte sich bei mir persönlich für mein Erscheinen!

Jeden Tag bei Sonnenuntergang denke ich, dass Kuba das sinnloseste Wirtschaftssystem des Planeten besitzt. Nach Mitternacht weiss ich, dass ist alles egal: Kuba ist die Kulturmetropole und das Epizentrum der Ausgelassenheit schlechthin!

Nur gut ist der Sonnenuntergang – dank dem diesjährigen „Funktionärskratzen“ – eine Stunde früher!

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*Kürzlich war ich in einem Laden. Ich wollte eine Computerbatterie für mein Motorrad kaufen. Leider hatte die Verkäuferin der Abteilung keine Lust zum arbeiten. Sie blieb zu Hause. Weil uns niemand der anderen Verkäuferinnen bedienen wollte, machten wir telefonisch die ursprüngliche Verkäuferin der Abteilung ausfindig. Nach 30 Minuten konnte diese eine der anwesenden Verkäufer davon überzeugen uns gegen ein Trinkgeld zu bedienen.
** Mein russisches Mottorrad, Baujahr 1968, läuft mit zwei gekoppelten 6 Volt Computerbatterien. Andere Batterien gibt es nicht.

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