#143 „Wilder Westen“ in Alaska

Seit fünf Tagen stehe ich in Fairbanks vor der Garage, die mir mein Auto bei einer einfachen Routinereparatur zum Krüppel repariert hat. Eigentlich wollte ich nur den Alternator Riemen ersetzten. Dabei stellte der Mechaniker fest, dass die Rolle der Wasserpumpe lose war. Also wechselt er die Wasserpumpe auch aus und ersetzt sie mit einem Originalteil, das ich dabei habe. Völlig unspektakulär.

Das dachte sich der Mechaniker auch und fabrizierte zur Abwechslung einen kapitalen Motorschaden! Nach der Reparatur springt der Motor zwar noch an, nach ein paar Motorumdrehungen ertönt dann ein metallisches Klirren, der Motor holpert und stirbt ab. Überall weisser Rauch, hinter dem Auspuff ein dunkelschwarzer Fleck. Das war es dann auch schon. Seither warte ich auf eine Möglichkeit mein Auto nach Anchorage (600km von hier) zum einzigen Mechaniker, der das Wort „Volkswagen“ buchstabieren kann, abzuschleppen.

Fairbanks kann man als klassische Agglomeration bezeichnen. Alle Sehenswürdigkeiten sind Orte, die ausserhalb Fairbanks liegen, denn in Fairbanks gibt es ausser, dass es kalt ist, nichts zu sehen. Speziell nicht auf dem Parkplatz vor einer Werkstatt im Industriebereich. Soweit die Ausgangslage.

Doch dann geschah es. In der vierten Nacht um morgens um 3:00 Uhr höre ich eine Gruppe Jugendlicher neben meinem Auto stehen. Irgendwie sind sie hektisch, laut und schreien sich an, nur um kurz darauf wieder zu tuscheln. Mein Auto steht mit dem Heck zur Garagenwand, vorne habe ich die Vorhänge geschlossen. Normalerweise überprüfe ich bei solchen Situationen verstohlen die Lage in den Seitenspiegeln. Im Notfall würde ich durch den Trennvorhang vom Laderaum in die Führerkabine steigen. Ich habe für solche Fälle nachts immer einen Autoschlüssel im Aschenbecher. Damit würde ich zünden, unendlich lange darauf warten, dass der Dieselvorglüher bereit ist und dann sofort losfahren. Nicht zufällig steht mein Auto am Stellplatz immer vorwärts, also fluchtbereit, da. Da mein Auto nicht läuft kann ich nicht fliehen. Was immer da „draussen“ vor sich geht, ich kann nichts dagegen tun. Ausserdem ist es zu kalt um bei Temperaturen um den Nullpunkt aus dem kuscheligen Schlafsack zu kriechen. Bald schon schlafe ich wieder friedlich ein.

Eine halbe Stunde später wache ich wieder auf. Nun ist auf meinem Parkplatz wirklich der Bär los. Durch meinen Vorhang schimmern Blinklichter, ich höre viel Auto und Personen hektisch um meinen VW huschen. In Südamerika noch, hätte mich das wirklich beeindruckt. Doch wir sind hier in Alaska, der Schlafsack ist gemütlich und ich kann sowieso nichts dagegen tun.

Völlig übernächtigt besuche ich am nächsten Morgen den Empfang der Garage. Der Besitzer fragt mich mit einem süffisanten Lachen: „Na, hast Du letzte Nacht tief geschlafen?“ Bevor ich überhaupt zu Wort komme meint er: „Die Garage wurde gestern Nacht ausgeraubt! Neben Deinem Bus haben die Diebe eine Scheibe eingeschlagen. Der Alarm ging los, danach kam die Polizei und hat das ganze Areal abgesucht. Zum Glück haben Sie Dich im Deinem VW Bus nicht entdeckt, sonst wärst Du heute Morgen im „Knast“ aufgewacht!“

Ich bin ein wenig sprachlos. Etwas viel Information 30 Sekunden nach dem Aufwachen.

Er lacht breit, klopft mir auf die Schultern und fügt hinzu: „Junge, Du hast einen guten Schlaf. Na, wenigsten wurde nichts gestohlen. Wir haben die Diebe auf Video aufgenommen und schauen uns gerade die Aufnahmen an.“

Ich werde knallrot im Gesicht. Aus Frustration über die misslungene Reparatur habe ich jede Nacht an das Auto des Besitzers gepinkelt und dazu genüsslich in die Kamera gegrinst Ich überlege kurz. Mir fällt ein Stein vom Herz. Gestern war es zum Glück so kalt, dass ich nicht einmal pinkeln ging.

Ich lache dem Besitzer ins Gesicht und murmle still vor mich hin: „Schade kam mir die Idee des Überfalls nicht selber.“

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