#138 Nie wieder!

Nachdem ich mein VW in Argentinien verschifft habe, verbringe ich einen Monat „alleine“ in Mexiko. Mein erstes Hostel in Cancun bietet Tagesausflüge nach Chichen-Itza an. „Eine gute Idee“, finde ich. Vielleicht liegt es am emotionalen Tief nach der Trennung von Champion, vielleicht ist es auch einfach der Wunsch einmal „nichts“ zu selber zu organisieren. Nach dem ich meine Zimmergenossen die Tour auch genial fanden, buche ich. Eigentlich hätte ich es besser wissen sollen. Das Durchschnittsalter im Hostel ist 21 Jahre und jeden Abend werden Trinkspiele organisiert. Danach gehen alle an „All you can drink“ Parties. Ein Grund mehr, wieso man Betrunkenen nicht trauen sollte!

Der Guide unserer Tour, Toni, ist ein waschechter Maya. Seines Zeichen Archäologe und seit 34 Jahren bei Ausgrabungen dabei. Detailliert führt er uns in das einzigartige Leben eines Mayas ein: Von der Zeugung in der Hängematte über Speicherung von magischer Energie in Kristallen bis zu Entfernung von Nierensteinen ohne Betäubung mit der blanken Hand!? Was anfänglich noch lustig ist, schwenkt bald in eine faktenfreie Märchenerzählung um, die man sonst nur aus Amerika kennt.

Mich beschleicht das Gefühl, das „Muppet Show“ Toni betrunken ist. Öfter verliert er den Faden und brabbelt undeutlich vor sich hin. Ganz sicher bin ich mir aber erst als er die vier kreischenden Australierinnen vor mir erblickt und zu uns hin schwänzelt. Seine Augen sind gläsern. Er kann seinen Blick nicht vom Ausschnitt einer der Australierinnen lösen. Er erkundet sich, ob die Mädels gestern Abend „Party machten“ und ob sie dabei viel Spass hatten. Während seiner Frage sabbert er deutlich sichtbar auf den Boden. Die Australierinnen quietschen vor Freude. Später beim Aussteigen zahlen sie ihm 30 USD Trinkgeld. Ich kann es kaum glauben.

Doch die „Mupper Show“ hat erst begonnen. Toni verspricht uns mit dem 15 Meter langen Tourbus sein Dorf zu besuchen. Das sei zwar verboten, aber er will uns zeigen, wie die Mayas wirklich leben. So zwängt sich der Bus auf einem Nebenweg in das Mayadorf. Die übergewichtigen Amerikaner vor mir jubeln vor Freude. Das tragische daran ist, dass es sich um mexikanische Auswanderer der zweiten Generation handelt. Scheinbar haben ihre Eltern vergessen zu erwähnen, dass sie schon vor der Auswanderung in Häusern gewohnt haben.

Das Dorf sieht aus wie jedes andere Dorf, das jeder von uns kennt, der seine Ferien nicht im „Allklusive Hotelbunker“ verbringt. Beim Abbiegen an einer Kreuzung ragt der Bus direkt in den Garden eines Hauses. Wir sind etwa drei Meter vom Wohnzimmerfenster entfernt. Alle Touristen stehen auf und schauen ins Wohnzimmer. Die Mayas schauen verwundert zurück. Toni erklärt uns, dass die Mayas in Wohnzimmern wohnen, Schaukelstühle besitzen und fern schauen. Alle zücken die Kameras. Ein Blitzlichtgewitter entlädt sich. Die Mayas verstehen die Welt nicht mehr.

Als Höhepunkt fahren wir an der „Mayaschule“ vorbei. Sie sieht aus wie alle anderen Dorfschulen dieser Welt mit dem Unterschied, dass ein Touristenbus davor steht. „Muppet Show“ Toni hat den Touristen im Vorfeld empfohlen den Kindern kein Geld, sondern Süssigkeiten zu schenken. Jetzt öffnen sich die Busfenster. Es fliegen Bonbon und Kaugummis zum Fenster raus. Natürlich werden die Süssigkeiten den Kindern nicht übergeben, sondern vor die Füsse geworfen. Die Szenen erinnern mich an die Fütterung im Zoo, aber eben von Tieren und nicht von Kindern. Die Europäer – inklusive die Engländerin neben mir – sind entsetzt. Die Amis und die Australier wiehern vor Begeisterung. Ich suche verzweifelt die „versteckte Kamera“!

So geht es den ganzen Tag weiter. Wir fahren von einem Souvenirstand zum nächsten. Selbst während der Busfahrt steigen ständig Mayabrüder zu. Nach einer herzzerreissenden Einleitung von Toni versuchen sie uns irgendetwas zu verkaufen.

Als wir endlich in Chichen-Itza ankommen, muss „Muppet Show“ Toni draussen bleiben. Stattdessen führt uns ein offizieller „Guide“ durch die Ruinen. Nach seinen 30 minütigen Erklärungen bleiben uns unglaubliche 18 Minuten zur Besichtigung der restlichen Ruinen was gerade für einen kleinen Bruchteil reicht.

Auf der Rückfahrt stosse ich mir Papierservietten in die Ohren, während die Engländerin verzweifel laut Musik hört. Toni will einfach nicht aufhören zu quasseln. Nach weiteren zwei Stunden ist der Spuk vorbei. Hätte die Fahrt nur 15 Minuten länger gedauert, hätte ich wohl  „Muppet Show“ Toni erwürgt. Der Richter hätte mich zweifellos wegen Notwehr frei gesprochen!

Dies war mein erster organisierter Tagesausflug seit ich mich Erinnern kann. Um es kurz zu fassen: Es wird mein erster, einziger und letzter Tagesausflug bleiben!

One thought on “#138 Nie wieder!

  1. David R.

    Schmerzhaft in der Tat!

Dein Kommentar interessiert uns: