#131 Don’t cry for me Argentina!

„Fährt er noch oder parkt er schon,“ frage ich mich gerade, während ich durch den Verkehr in Buenos Aires rolle. Die Argentinier sind so entspannt, dass man den Unterschied manchmal kaum sieht. Kein Hupen, kein Fluchen, kein Gestikulieren. Egal was passiert, hier ist alles: „Tranquillo.“ Hier ist keiner gestresst, alle sind tief am durchatmen.

Vielleicht liegt die argentinische Friedfertigkeit am Mate – eine Art Kräutertee – den sie bei jeder Gelegenheit frisch zubereiten. Jeder Argentinier hat eine Thermosflasche mit Mate dabei: Sei es im Bus, beim Joggen oder im Ausgang. Argentinier scheinen mit der Thermoskanne zur Welt zu kommen. Mate ist hier kein Getränk, sondern ein sozialer Akt*. Böse Zungen behaupten, dass die Mate Kräuter mit Hanf durchsetzt sind. Die Wirkung des Tees scheint diese These zu stützen.

Für mich sind die Argentinier die perfekte Mischung aus südamerikanischem Temperament und der europäischen Zuverlässigkeit. Bisher hatte ich immer das Gefühl, in einem Land zwischen Freundlichkeit oder Sicherheit wählen zu müssen: Ein freundliches Lachen auf der Strasse, dafür am nächsten Morgen ein Rad weniger am Auto! Hier in Argentinien finde ich gleichzeitig Freundschaft und Sicherheit. Die Leute sind offen, gastfreundlich und liebenswürdig. Regelmäßig erhalte ich bereits nach einem kurzen Gespräch eine Einladung für einen Besuch zu Hause.

Gleichzeitig stehen die Gauchos ihrer Regierung äusserst kritisch entgegen: Keiner ist mit der grassierenden Kriminalität, maroden Infrastruktur und schon gar nicht den durchtriebenen Politikern zufrieden. Häufig werde ich vor gefährlichen Quartieren gewarnt. Doch die Stimmung täuscht: Selten habe ich mich so sicher gefühlt, die Strassen und die Dienstleistungen sind im Vergleich zu den Nachbarländern vorbildlich. Mein Auto steht nun seit sechs Wochen unbewacht in Buenos Aires und es fehlen immer noch keine Einzelteile.

Kann es sein, dass es eine Beziehung zwischen dem Selbstanspruch einer Bevölkerung und der Lebensqualität gibt? In Argentinien und Chile ist die Bevölkerung sehr kritisch gegenüber dem eigenen Land. Gleichzeitig gibt es hier eine funktionierenden Zivilgesellschaft, die durch eine soziale Gemeinschaft statt durch puren Egosimus geprägt ist.

Argentinien steht aber auch für unschlagbar gutes Fleisch. Der Preis und die Qualität von Rindfleisch sind sprichwörtlich. Das Kilo „Bife de Lomo“ (Filetstück“) kostet 12 CHF, während sonst die Lebenshaltungskosten eher an die Schweiz erinnern. Nachdem ich auf der „Panamericana“ notgedrungen zum Vegetarier wurde, erkläre ich hier meinen Körper kurzerhand zur übergewichtigen Problemzone: Jetzt kann nur noch eine strikte Eiweißdiät helfen! Seit einem Monat esse ich nichts anderes als Filetstücke (Rinds- oder Pouletfleisch) mit Salat oder Gemüse. Öfters ist das Gemüse teurer als das Fleisch. Die Effizienz meiner Diät kann ich wegen der fehlenden Waage nicht messen. Mein Bauch sagt mir aber, dass die Diät unschlagbar gut ist!

Argentinien ist aber viel mehr als nur Mate und billiges Rindfleisch. Argentinien ist ein Lebensgefühl. Nirgends auf der Welt sind die Bewohner so voller Sehnsucht, Passion und Melancholie. Der beste Ausdruck dieses Lebensgefühls ist der Tango (siehe Fotos Tango Weltmeisterschaft). Jeder Argentinier scheint ihn im Herzen zu tragen. Jeder leidet still, aber genüsslich vor sich hin. In Argentinien stirbt die Hoffnung tatsächlich zuletzt. Möglich, dass der nächste Staatskonkurs irgendeinmal wieder vor der Türe steht. Es wäre dann der 9. Bankrott. Er wird aber nichts am Selbstwertgefühl, Stolz und Sehnsucht der Argentinier ändern. Er wird einzig ihre Zuversicht auf eine bessere Zukunft stärken!

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*Mate wird häufig unter Freunden geteilt. Er ist ein Zeichen der Wertschätzung und der Gastfreundschaft. Dabei wird heißes Wasser in das Mate Gefäss gegossen, ganz ausgetrunken und weitergeben. In meiner Naivität habe ich anfänglich einen Anstandsrest in Becher gelassen was zu Verwirrung führte, da dies als unhöflich gilt.

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