#130 Tierra del Fuego

Ich stehe an der Magellanstraße und warte auf die Fähre. Der Himmel ist dunkelrot bis purpurn. Der Himmel scheint zu brennen. Seit Monaten ist der Sonnenuntergang ein Spektakel. Die Sonneneinstrahlung ist dermaßen flach, dass die Sonnenaufgänge eine gefühlte Ewigkeit dauern und die ganze Farbpalette an Rot durchlaufen. Die Dämmerung dauert hier Stunden. Einmal mehr werde ich dafür belohnt, dass ich mitten im Winter in Feuerland bin. Die beste Reisezeit ist eben doch die Reisezeit mit den wenigsten Touristen!

Dass ich häufig Sonnenaufgänge sehe liegt nicht daran, dass ich an seniler Bettflucht leide. Die Tage in Feuerland sind im Juni (Winter) extrem kurz. Sie beginnen um 10:00 und enden um 17:15. Danach ist es so kalt, dass ich mich in meinen Schlafsack zurückziehe und mir Dokumentarfilme anschaue. Langsam habe ich Angst, dass die Welt mit der Produktion von Dokumentarfilmen nicht nachkommt! Jeder morgen ist eine Wiedergeburt. Die Ankunft der Sonne ein Segen. Häufig ist es der einzige Moment an dem die Sonne überhaupt zu sehen ist. Über Feuerland liegt oft eine tiefliegende, dicke Wolkendecke. Die Sonne steigt dann in 15 Minuten vom Horizont zur Wolkendecke und verbringt den Tag als dunkelgraue Scheibe hinter den Wolken.

Heute zahle ich ein Lehrgeld für meine „verspätete“ Reise in den Süden. Kurz nachdem ich die Magellanstrasse überquert habe, gerate ich in der ersten Kurven auf eine Eisfläche. Ich verliere die Kontrolle, mein VW Bus beginnt sich zu drehen. Wie durch ein Wunder komme ich nach 500 Meter irgendwie auf der Strasse zum Stillstand. Einerseits habe ich unglaubliches Glück, dass mir kein Fahrzeug entgegen kommt. Andererseits hat man als Schweizer ein wenig Erfahrung im Fahren auf Schnee.

Zu meinem Entsetzten stelle ich fest, dass die Strasse komplett vereist ist. Die nächsten 180 km lege ich in sechs Stunden zurück: Alle Verkehrsteilnehmer fahren mit 30 km/h wobei ein Rad immer im griffigen Straßengraben bleibt. Just als ich mich über den fehlenden Straßenräumungsdienst wundere, erscheint dieser auch schon: Von der Lastfläche eines verrosteten Pickups schaufelt ein Chilene mit einer Sandkastenschaufel Salz aus einem Sack auf die Strasse. Bravo, kein Wunder ist am Mittag noch alles vereist!

Erst um 14:00 ist der Spuk vorbei. Leider versinkt nun die aufgetaute Schotterstraße in tiefem Morast. Plötzlich darf ich nicht mehr langsamer als 30 km/h fahren, sonst Stecke ich fest. Was für eine Schlammschlacht: Das Heck und die Seitenfenster sind vom Schlick völlig zugeklebt. Der Motorraum wird mit Dreck geflutet, meine neue lautstarke Hupe ersäuft im Matsch. Die Hupe muss ich später ersetzen.

Eine Schande, dass es Chile nicht schafft eine vernünftige Anschlussstrecke nach Argentinien zu bauen. Es gibt weder Wegweiser noch eine geteerte Strasse. Völlig unverständlich, teilen sich doch Chile und Argentinien die Halbinsel Feuerland und wären eigentlich in der Einsamkeit des Südens aufeinander angewiesen. Statt Strassen werden Zollhäuser gebaut. In einem Monate erhalte ich so acht Ein- und Ausreisestempel*. Für alle diejenigen die momentan die Europäische Union zu demontieren versuchen ist Feuerland ein erstklassiges Beispiel was mittelalterliche Grenzen eigentlich bedeuten! Einmal mehr wünsch ich mir Blocher auf eine Insel, diesmal mit Michael Gove und Boris Johnson (siehe Blog #127 und #78).

Zeit für Verdrießlichkeit bleibt keine, zu anspruchsvoll ist die Strecke, zu wunderbar die Landschaft. Der Höhepunkt ist Ushuaia mit dem Beagle-Kanal. Das Meer ist spiegelglatt, das Panorama mit der Cordillera Darwin (2’500 MüM) im Hintergrund malerisch, Gletscher glitzern kristallen. Der Himmel scheint einem hier förmlich auf den Kopf zu fallen. Ein wahrlich würdiger Ort für das „Ende der Welt“**!

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* Die Chilenen durchsuchen jedes Mal mein komplettes Auto nach Pflanzen, als ob hier unten irgendwo Früchte oder Gemüse wachsen würden. So kommt es, dass ich meine chilenischen Orangen, die ich mittlerweile nach Argentinien importiert hatte, am Ende am chilenischen Zoll beschlagnahmt und vernichtet werden! Was für ein Schwachsinn.
** Natürlich sind die Stadt Puerto Williams und der Ort Puerto Toro in Chile südlicher. Beide sind allerdings nur mit dem Schiff zu erreichen. Selbstverständlich nur mit einer Fähre aus dem 30 Stunden entfernten Punta Arenas (Chile) statt in 30 Minuten im Schlauchboot über den Beagle Kanal von Ushuaia (Argentinien)! Die Politik bleibt sich eben auch im tiefen Süden treu.

 

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