#129 Carretera Austral

Atemberaubend, fantastisch, unvorstellbar. Gleichzeitig unbeschreiblich. Es ist müßig über die Carretera Austral zu schreiben, man muss sie erlebt haben!

Die Carrtera Austral, das sind 1’350 km wilde, unbändige und – bis auf die Strasse selbst – unerschlossene Natur. Nach jeder Kurve überrascht mich die Landschaft von Neuem. Unendliche Flusstäler, mäandernde Flüsse, spiegelglatte Seen und schroffe Gebirge. Immer wieder „muss“ ich anhalten und Fotos schiessen, obwohl ich eigentlich schon lange keine Lust mehr habe. Irgendwie eine Ironie des Schicksals, dass diese Perle des Südens von General Pinochet, einem der grössten Verächter der Menschenrechte, geschaffen wurde. Er liess sie im Jahre 1976 von zeitweise mehr als 10’000 Soldaten bauen. Die Arbeiten dauerten 20 Jahre und sind bis heute nicht fertig. Für die fehlenden 935 km werden 25-30 Jahre Bauzeit veranschlagt, falls sie überhaupt jemals fertig gebaut wird*. Die Gegend ist immer noch so unerschlossen, dass auf den ganzen Strecke nur einen richtig grossen Supermarkt gibt, aber wegen den Supermärkten bin ich ja auch nicht hier.

Der Hauptteil der Strasse ist Schotter, am Ende in schlechtem Zustand. Die Strecke ist meistens so eng, dass zwei Fahrzeuge nur erschwert kreuzen können. Zum Glück treffe ich selten mehr als ein Auto pro Stunde. Zudem wird auf teilweise unkonventionelle Weise gebaut was den Überraschungsfaktor der Fahrt deutlich erhöht. Ständig riskiert man dank der abenteuerlichen Streckenführung in einer der Baugruben oder im Schutt einer temporären Umleitungen stecken zu bleiben. Einmal liegt so viel lockerer Kies, dass Champion – mein VW Bus – einfach einsinkt. Erst nach mehreren Anlaufen gelingt es mir das Teilstück zu überwinden. Manchmal liegen auf der Strecke kleinere Felsbrocken von Felsabbrüchen. Daneben entsprechende Warnschilder „Achtung: Felssturz“. Inwiefern mir diese bei einem Felssturz dann wirklich helfen ist mir bis heute unklar …

Das letzte Teilstück der Carretera Austral von Puerto Yuangay nach O’Higgens ist das Schönste. Kaum zu glauben, dass diese Strasse noch schöner, noch einsamer und die Natur noch unwirklicher wird. Jeder Ort ein Ort zum verweilen und staunen. Hier begegnet mir nur ein bis zwei Autos pro Tag. Bei jedem Kreuzen schrecke ich aus dem Staunen über die Schönheit der Natur hoch. Gut zu wissen, dass ich nicht alleine auf dem Planeten bin. Besser noch zu wissen, dass mein Fahrzeug Deutscher Wertarbeit entstammt.

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* Seit Frühjahr 2016 verbindet eine Fähre die Carretera Austral mit Puero Natales. Zum ersten Mal können Chilenen von Chile nach Chile gelangen ohne den Umweg über Argentinien zu fahren. Ich hatte das Glück als einer der ersten die spektakuläre Passage per Fähre zu bewältigen.

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