#127 Chile – Willkommen zu Hause!

Ich stehe an der Strassenecke. Ein Bus hält direkt vor mir. Der Fahrer gestikuliert mit den Händen. Ich habe keine Ahnung was er will …. bis es mir allmählich dämmert. Erinnerungen aus meinem Leben vor der „Panamericana“ werden wach. Erinnerungen aus der Zeit in der Autofahrer Fussgänger noch über die Strassen winkten. Obwohl ich die Strasse eigentlich gar nicht überqueren will, wechsle ich freudig die Strassenseite. Ja, es tut gut wieder zurück in der Zivilisation zu sein!

Lustig, wie schnell man sich an fremde Gepflogenheiten gewöhnt. Umso befreiender ist es, die eigenen Sitten wieder zurück zu wissen. Chile fühlt sich an wie „zu Hause zu sein“. Besser noch: Chile ist in der Fremde zu sein ohne sich fremd zu fühlen. Endlich kann ich „Champion“ – meinen VW Transporter – wieder länger als 5 Minuten unbewacht auf der Strasse stehen lassen. Hier ein paar unverkennbare Anzeichen von „Heimat“:

  • Verderbliche Lebensmittel werden kühl und hygienisch gelagert,
  • Du darfst Fleisch nicht nur „very well done“ essen,
  • Du kannst im Restaurant pinkeln gehen und Deine Sachen sind nach der Rückkehr immer noch da,
  • Es gibt WC Papier – auch auf der Toilette, wenn man es braucht,
  • Die Toiletten sind sauber und gratis*,
  • Es in Gehdistanz Abfalleimer und die Leute benützen sie,
  • Die Bedienung im Restaurant fragt, ob es Dir schmeckt,
  • Teile Deines Essens sind nicht frittiert,
  • Dein Tisch im Restaurant wurde vorher geputzt,
  • In den Läden gibt es mehr Verkäufer als Sicherheitspersonal,
  • Im Supermarkt kontrolliert niemand Deine Einkäufe nachdem Einkauf,
  • Dein Wechselgeld stimmt,
  • Du vergisst etwas und jemand trägt es Dir nach,
  • Dir öffnet jemand die Tür und Du bist keine Frau,
  • Du stehst vor einem roten Lichtsignal und niemand hupt,
  • Farben haben grundsätzlich eine Bedeutung im Strassenverkehr,
  • Es gibt Verkehrsregeln und sie werden angewendet,
  • Niemand überholt Dich rechts über das Trottoir,
  • Niemand klaut Dir den Autoblinker während Du 20 Meter neben dem Auto stehst (Peru),
  •  Es gibt Autofahrer, die während der Fahrt gerade keine „App“ auf ihrem Telefon installieren (Kolumbien),
  • In Sichtweite gibt nicht mindestens drei bewaffnete Wachen (Kolumbien),
  • Nachts beim pinkeln entdeckst Du kein eingegrabenes Militärbataillon, das vor einem Monat die Gegend von Drogenhändler zurückerobert hat (Kolumbien),

Südamerika ist ein wunderbarer Kontinent. Die Bevölkerung sehr witzig und unterhaltend! Gleichzeitig ist es ein Kontinent voller Egomanen – alles kleine „Special Ones“ – was mit der Zeit anstrengend ist. Nun versteht mich nicht falsch: Je ursprünglicher, andersartig und fremder ein Reiseland ist, desto interessanter ist es. Ich reise aus Neugier an fremden Kulturen. Gleichzeitig lerne ich aber auch meine kulturellen Werte besser kennen.

Ist nicht auch die Wiederentdeckung und Schätzen der Heimat ein wesentlicher Bestandteil der Reiseerfahrung?

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* Wieso muss man eigentlich für schmutzige Toiletten auch noch zahlen?

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