#128 „Chile a los Chilenos“

„Chile a los Chilenos!“ schreit Einer hinter mir. Die Fischer Chiloé‘s haben soeben die Strasse mit brennenden Pneus blockiert und verweigern mir die Durchfahrt. Sie kämpfen für eine Entschädigung nach dem staatlich verhängten Fischfangstopp. Trotz der kämpferischen Parolen sind die Streikenden friedlich bis auf den einen Nationalisten. Einen Idioten gibt es eben überall, der den Ausländern für Alles die Schuld in die Schuhe schiebt.

Tatsache ist,  dass der Ausbruch der „Marea Roja“ – die Rote Flut – die lokalen Fischer einkommenslos gemacht hat. Die Rote Flut ist ein Algenausbruch von Algen, die in hoher Konzentration extrem toxisch sind. Die Rote Flut ist grundsätzlich ein natürliches Phänomen, das weltweit abseits der Küsten auftreten kann. Das Gift der Algen ist auch für den Menschen gesundheitsgefährdend, weshalb bei Ausbruch einer „Marea Rioja“ jeglicher Fischfang sofort eingestellt wird.

Verendete Meerestiere habe ich selber nie gesehen, dafür sind die Auswirkungen der Fischerproteste allgegenwärtig. Die Halbinsel Chiloé – eine Haupttouristenattraktion – ist komplett vom Verkehr abgeschnitten, Touristen auf Tagesausflügen nicht zurückgekehrt, Fährbetriebe eingestellt und Hauptverkehrsachsen von den Fischern blockiert. Benzin ist rationiert oder gar nicht mehr erhältlich. Das scheint aber hier niemanden zu stören,  sondern zum nachbarschaftlichen Ton zu gehören. Die Bevölkerung unterstützt das berechtigte Anliegen der Fischer.

So übernachte ich zwangsweise im traumhaften Waldgebiet vor der Straßensperre – ich habe ja mein eigenes Hotel dabei. Der Besitzer der nahe gelegen „Cabanas“ klopft abends an meine Tür und lädt mich in seine „Finca“ zum Nachtessen ein. Typisch Südamerika: Weiter fahren darf ich nicht, aber zum Essen werde ich eingeladen!

Wir sprechen über Gott und die Welt, seine Frau und seine Kinder. In seinem Fall scheint alles Eins zu sein. Dann sprechen wir über den Streik. Angeblich hat ein Lachszüchter 40’000 Tonnen vergifteten Lachs vor der Küste entsorgt. Dies sei der Grund wieso die Rote Flut in nie dagewesenem Ausmass die Küsten Südchiles befallen hat. Später lese ich in der Zeitung, dass die Entsorgung von der Fischereibehörde angeordnet wurde, sich der Lachszüchter* aber nicht an den vorgeschriebenen Abstand zur Küste gehalten hat. Total hätten so 100’000 Tonnen verdorbenen Lachs die Küste verseucht. Gleichzeitig behaupten die Fischer, dass man den Lachs gar nie im Pazifik hätte entsorgen dürfen. Die politische Verstrickung der Fischfarmen mit der Fischereibehörde hätte zu der unsachgemässen Entsorgung geführt. Die Tatsache, dass der Lachsproduzent bis jetzt nicht angeklagt wurde, scheint diese Theorie zu bestärken.

Am Ende erhielten die Fischer eine läppische Einmalzahlung von 400’000 Pesos, umgerechnet ca. 600 USD. Der Pazifik ist auf Monate, wenn nicht Jahre verseucht. Die Fischer somit langfristig erwerbslos.

Wenn diese leidige Geschichte etwas mit Sicherheit zeigt, so sind das drei Dinge:

  1. Ein politischer Sachverhalt ist immer komplexer als man denkt. Nur wer sich richtig informiert, kann die vernünftige Schlüsse ziehen.
  2. Nationalisten beweisen grundsätzlich nur eins: Sie sind komplett desinformiert und haben kein Interesse Sachverhalte zu verstehen.
  3. Es gibt immer einen gierige Unternehmer, der die Zerstörung der Natur in Kauf nehmen wird und dabei mit Sicherheit einen korrupten Politiker findet, der das zulässt.

Am Ende dieser traurigen Einsicht bleibt mindestens zum Punkt 2 ein kleiner Lacher. Meine ursprüngliche Idee, die Nationalisten der Erde auf einer einsamen Insel zu vereinen, erheitert mich immer wieder: Herrlich, ich stelle mir dann vor wie Christoph Blocher die Einwanderungsinitiative Kim Jong-un und Fidel Castro erklärt!

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* Die Lachszüchter sind die grösste Umweltgefahr für den Südchilenischen Pazifik. Um ein Kilo Lachs zu produzieren fressen die Lachse zwei bis fünf Kilogramm Fisch. Das Fischfutter wird meist traditionell im Meer gefangen. Paradoxerweise führt die Aquakultur so zur Überfischung der Meere.

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