#123 Höllenritt

Ohne Zweifel: Das war ein wahrer Höllenritt! Einen anderen Namen hat die „Strasse“ zwischen Leymebamba und Celentin nicht verdient.

Luftdistanz zwischen beiden Ortschaften ist 45km, die Strasse ist aber satte 144km lang ohne dass sie einen nennenswerten Umweg nimmt. Schon was aufgefallen?

„Google Maps“ weisst eine Fahrzeit von 2h aus. Natürlich verlasse ich mich nicht darauf und frage bei der lokalen Polizei nach. Der Polizist mustert mich von unten nach oben, schaut mir tief in die Augen, dann will er wissen mit welchem Fahrzeug ich unterwegs bin. Erst jetzt beginnt er zu rechnen. Nach einer Minute lautet seine dezidierte Antwort: „Fünf Stunden.“

Wie bitte? Ich brauche für 144 km fünf Stunden? Das gäbe eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 29 Stunden Kilometern pro Stunde!?

Auf meine Frage wieso ich so lange brauche, werden alle still, demütig und wenden den Blick ab. Ein Familienvater bricht das Schweigen: „Die Strasse ist sehr schmal.“ Worauf alle mantraartig wiederholen: „Ja, sehr schmal.“ Einer fügt noch hinzu:“Mit Deinem Auto kommst Du aber locker durch, wenn Du vorsichtig fährst!“ Sehr ermutigend.

Gewarnt fahre ich los. Die Strecke verengt sich schon beim Dorfausgang auf 1 1/2 Fahrspuren was beim kreuzen gewöhnungsbedürftig ist. Nach einer Stunde wird die Strecke einspurig. Mein Auto ist 2 Meter breit, die Strasse knappe 2.20 Meter. Als die Strasse auf kürzester Strecke ein Dutzend unmotivierte Kurven schlägt, muss ich meine Geschwindigkeit auf 20 km/h drosseln, zumal die Strasse völlig ungesichert ist. Teilweise bleiben neben dem Asphalt nur 10 cm und die Strasse fällt senkrecht mehrere hundert Meter über eine Felswand.

An kreuzen ist schon lange nicht mehr zu denken. Alle 300m gibt es einen Ausweichplatz. Natürlich rattern die peruanischen Lastwagenfahrer immer genüsslich daran vorbei, so dass immer ich ausweichen muss. Einmal muss ich rückwärts auf einen Ausweichplatz in einer rechtwinkligen Kurve zurücksetzen. Die Strasse ist dort knapp 3m breit und fällt senkrecht über die Klippen. Das Strassenende sehe ich natürlich nur im Seitenspiegel, im Rückspiegel starre ich ins Nichts. Ich schwitze Blut, doch alles läuft gut.

Einmal klappt es mir beim Kreuzen den Seitenspiegel ein, weil ich ich zu Nahe an den LKW gefahren bin. Ein anderes Mal ist die Strasse so eng und mit mäanderartigen Kurven gespickt, dass ich mich weigere zurückzufahren. Demonstrativ stelle ich den Motor ab, strecke mich und trinke etwas. Mir völlig egal was der peruanische Lastwagen macht, ich werde nicht verrückt rückwärtsfahren! Wenn es sein muss schlafe ich jetzt und hier in meinem Bus. Lebensmittel und Wasser habe ich für 5 Tage. Irgendwie kann der LKW Fahrer meine Gedanken lesen. Nach einer Minute setzt er zurück und ich sehe ihn Blut schwitzen. Ok, geht doch. Meine Taktik ist ab jetzt klar.

Kurz nach dem ersten Bergkamm nehme ich eine ältere Frau und ihr Kind mit. Meine Psyche braucht jetzt dringend ein Gespräch, dass meine Gedanken etwas kanalisiert. Die Frau hat soeben ihren leiblichen Vater kennen gelernt, der sie und ihre Mutter als sie drei Monate alt war verlassen hat. Scheinbar waren aber ihr Aufenthalt und die Hinfahrt so traumatisch, dass sie ihren leiblichen Vater bereits nach einer Nacht wieder verlässt.

Immer wieder müssen wir das spannende Gespräch unterbrechen, weil die Strecke so anspruchsvoll ist. Sie schaut dann den Abgrund hinunter und murmelt ein leises:“Dios mio“, ich atme tief durch und fokussiere auf das Strassenstück direkt vor meiner Nase.

Landschaftlich ist die Fahrt von einzigartiger Schönheit. Von Leyemebamba (2’200 MüM) steigt die Strasse durch tropischen Regenwald auf 3’615 MüM an. Dann fällt sie durch Grasland und Trockenwald spektakulär in den Marañon Canyon, der zweimal tiefer als der Gran Canyon ist. In Balsas kreuzen wir auf 850 MüM den Fluss auf einer Hängebrücke, die mitten auf der Brücke ein klaffendes Loch im Beton hat. Auf der anderen Seite steigt die Strasse durch eine unwirkliche Wüstenlandschaft mit Kakteen an. „Hornopampa“ – Backofen Steppe – heisst die Gegend bezeichnenderweise. Die Strasse windet und zwirbelt sich den Berg hoch. Am Ende des Anstiegs gleicht die Landschaft der alpinen Schweiz, einzig dass die Passstrasse halb so breit und de Pass mit 3’000 Metern deutlich höher. Endlich sehen wir von der Passhöhe Celendin (2800 MüM) wo wir rechtzeitig mit der untergehenden Sonne eintreffen. Was für eine Fahrt: Ausser Schnee habe ich klimatisch alles erlebt. Die Fahrzeit beträgt auf die Minute genau fünf Stunden wie der Polizist in Leymebamba vorausgesagt hat!

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Video der Strecke aus Youtube, das nicht von mir stammt, aber einen guten Eindruck des „Höllenritts“ gibt:
4X4 CELENDIN BALSAS PISTA PELIGROSA UNA SOLA VÍA ASFALTADA“

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