#120 Der „Phantombeamte“

Er: „Belgien?“
Ich: “ Nein, Schweiz!“
Er: „Tunesien?“
Ich: „Nein, Schweiz!!“
Er: „Russland?“
Ich: „Nein, Schweiz !!!!!“

Er, der grauhaarige peruanische Zollbeamte klebt mit seiner Nasenspitze vor einem Kombinationsfeld in der er die Länder der Welt auswählen kann. Wenn er sich nur merken könnte woher ich stamme. Er ist fast blind, trägt aber keine Brille. Vor allem ist er – Entschuldigung die Direktheit – strohdumm! Geografie hält er wahrscheinlich für einen Brotaufstrich und die Reihenfolge der Buchstaben im ABC sind für ihn Glückssache.

Zum ersten Mal in meinem Leben weiss ich aus praktischer Erfahrung was es bedeutet, wenn ein „Phantombeamter“ nicht nur das Staatsbudget aufbläht, sondern – schlimmer noch – auch noch „arbeitet“.

Bereits sein Einstiegssatz ist grenzwertig. „Ah, Du bist aus Zürich Land“, stellt er beim durchlesen des Fahrzeugausweises stolz fest. Zwar korrigiere ich ihn noch: „Schweiz“ heisst das Land. Nachdem er aber zehn Minuten auf den Bildschirm gestarrt hat ohne eine Taste zu drücken, schaue ich ihm über die Schultern. Er kann sich gerade nicht entscheiden, ob „Zürich Land“ eher in Zimbabwe oder in Zaire liegt.

Als nächstes kommt die kritische Frage nach dem Fahrzeugmarke. Obwohl ich „Volkswagen“ in Blockbuchstaben auf ein Papier geschrieben habe, findet er den Eintrag im Listenfeld des Formulars nicht. Er entscheidet sich für „Ford“. Ich greife zur Maus und korrigiere den Eintrag selber.

Bei der Frage des Fahrzeugtyps fällt er dann in helle Aufregung. Wie wild kreist er mit über den Fahrzeugausweis, wobei er immer wieder mit dem Finger tief in der Nase bohrt. Mit demselben Finger streicht er dann erfolglos über das amtliche Dokument Nach fünf Minuten halte ich es nicht mehr aus und “ beschlagnahme“ aus Hygienegründen meinen Ausweis. Staatsangestellter hin oder her.

Ich antworte ihm es sei ein Kastenwagen. Mit seiner Nasenspitze berührt er am Computer das entsprechende Formularfeld.

Er: „Traktor?“
Ich: „Nein, Kastenwagen!“
Er: „Bagger?“
Ich: „Nein, Kastenwagen!!“
Er: „Ambulanz?“
Ich: „Nein, Kastenwagen!!!!“

Plötzlich spüre ich einen unbändigen Drang den Beamten zu würgen. Ich kann noch rechtzeitig tief ein- und ausatmen und mich auf die gegenüberliegende Seite des Büros flüchten. Dort steht auf einem Plakat übergross: „Zollabfertigung Peru: Wir wollen eine erstklassige Dienstleitung bieten und unsere Zollabfertigung zu einer der fortschrittlichsten dieser Welt machen.“ Ich muss laut lachen. „Dann wartet bitte bis der grauhaarige Beamte pensioniert wird“, denke ich nur.

In diesem Moment stösst Ricardo zu mir. Ricardo ist Argentinier. Er ist hier um seine Aufenthaltsbewilligung zu erneuern. Ich habe ihn mitgenommen als er zu Fuss durch das wüstenartige Niemandsland zwischen dem Zoll Ecuadors und Perus ging. Er sieht wie aufgebracht ich bin, schaut zum Beamten rüber und zeigt plötzlich wild gestikulierend auf den Zollbeamten. Er stottert nur: „Das ist er. Ja, klar das ist er!“

Vor einigen Jahren reiste Ricardo mit seinem VW Bus aus Peru nach Ecuador aus*. Dabei wurde die temporäre Einfuhrgenehmigung genau von demselben Beamten abgestempelt. Nicht ganz überraschend hat der Beamte das Formular aber nur abgestempelt und die Ausfuhr anschliessend nicht im Zollsystem gespeichert. Als Ricardo auf der Rückreise wider in Peru einreisen wollte, war sein Auto offiziell immer noch in Peru. Obwohl er das abgestempelte Formular bei sich hatte, drohte man ihm sein Auto bei der Einreise zu beschlagnahmen. Stattdessen solle er über Brasilien einreisen!?!!? Nur dank Freunden von Freunden gelang es das Fahrzeug aus dem Zollsystem zu löschen und ein paar Tage später problemlos in Peru einzureisen.

Nun mussten ich Ricardo davon abhalten, den Beamten zu erwürgen. Nachdem wir uns beide beruhigten, beschliessen wir den Beamten seines Amtes walten zu lassen und seine Arbeit bei einer der jungen, kompetenten Zollbeamten kontrollieren zu lassen.

Tatsächlich, von 10 Fragen hat Beamte „Taugenichts“ drei falsch beantwortet. Mein Wohnort ist als „Swaziland“ vermerkt, mein Familienname komplett falsch und der Ausreiseort irgendein Badeort am Pazifik. Ich nehme mal an, dass er von Bolivien noch nie was gehört hatte und mir stattdessen einen schönen erholsamen Zielort suchte.

Die junge Zöllnerin korrigiert alle Fehler in 30 Sekunden und wünschte uns eine gute Weiterfahrt. Ich wünsche dem grauhaarigen Beamten alles Gute zu seiner baldigen Pensionierung und uns allen, dass wir ihn nie wieder zu sehen müssen!

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* Ricardo ist ein ganz Grosser der Weltreisenden. Zuerst reist er per VW Bus von Argentinien nach Znetralamerika und zurück. Danach per Fahrrad von Ecuador nach Mexiko. Verpasst nicht seine Abenteuer auf Facebook.

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